«Beim Umsetzen von Ausstellungen lerne ich auch immer wieder Neues»

Nouvelles
Kurator Martin Brauen trägt wesentlich dazu bei, das Erbe des  weltberühmten Hoteliers Cäsar Ritz aus Niederwald lebendig zu halten.  Im Gespräch gewährt er Einblicke in seine Arbeit für die Station Ritz.
Wer Martin Brauen zuhört, kann kaum glauben, dass der Ethnologe und Kurator bis zu seinem Umzug ins Goms vor rund zehn Jahren nur wenig über den Hotelier Cäsar Ritz wusste. «Erst hier habe ich begonnen, mich intensiver mit Cäsar Ritz zu befassen.» Bei seinen Recherchen stellte der ehemalige Chefkurator eines New Yorker Museums jedoch bald fest, dass auch im Goms lange Zeit nur wenig über den 1850 in Niederwald geborenen Hotelpionier bekannt war. «In der Schule war er offenbar während Jahrzehnten kein Thema, und viele meiner Fragen blieben im Gespräch mit der Dorfbevölkerung unbeantwortet.» Zwar habe der Tod von Ritz’ Witwe Marie-Louise Ritz-Beck im Jahr 1961 schweizweit kurzzeitig für Aufmerksamkeit gesorgt, doch das Interesse sei rasch wieder abgeebbt.

Es ist Martin Brauen gelungen, über Internet-Auktionen zahlreiche Objekte im Zusammenhang mit Cäsar Ritz für die 2018 eröffnete Station Ritz in Niederwald zu finden. Weitere wichtige Funde machte er im Ostteil seines Gommer Hauses: «Die Eltern von Cäsar Ritz verbrachten hier ihren Lebensabend und bewahrten einiges auf, das dabei half, das Leben des Hoteliers besser zu verstehen.» Die Station Ritz ist vor allem für die Nachstellung eines Zimmers des Hotels Ritz in Paris bekannt, doch auch andere Ausstellungsstücke erzählen spannende Geschichten. «Eines meiner Lieblingsobjekte ist eine Medaille von Papst Leo XIII., die Cäsar Ritz bei einem Papstbesuch erhielt», erzählt Martin Brauen.

Zog Marie-Louise Ritz-Beck aus Steuergründen ins Goms?
Noch bis November 2026 ist in der Station Ritz die von Martin Brauen kuratierte Wechselausstellung «Madame Ritz, der ‹Engländer› und die St.-Niklaus-Trichjer» zu sehen. «In dieser Ausstellung dürfen wir neben den im ganzen Wallis beliebten St.-Niklaus-Trichjern zwei faszinierende Persönlichkeiten vorstellen», freut sich Martin Brauen. Bei der Umsetzung der Ausstellung habe er unter anderem erfahren, dass Marie-Louise Ritz-Beck «wohl der erste Steuerflüchtling im Goms» gewesen sei. Dokumente von Anwälten, Buchhaltern und Gemeindemitarbeitenden legen nahe, dass die Witwe von Cäsar Ritz ihr Domizil in erster Linie aus Steuergründen ins Goms verlegen wollte. 

Eine weitere Entdeckung überraschte den Kurator: «Ausserdem fand ich heraus, dass ein Bruder von Cäsar Ritz in oder bei Paris lebte und mindestens einen Sohn hatte – aber beide werden nirgends erwähnt und nahmen offenbar auch nicht an der Hochzeit von Cäsar und Marie-Louise teil. Ich habe Dokumente gefunden, die belegen, wie der Neffe von Cäsar Ritz mindestens einmal nach Niederwald reiste, um Land seines Vaters zu verkaufen.» Nachforschungen haben zudem ergeben, dass Madame Ritz in ihrem Buch über das Leben ihres verstorbenen Mannes die Wahrheit an mehreren Stellen beschönigt habe. «Im Buch steht beispielsweise, Cäsar Ritz habe das Hotel Savoy in London freiwillig verlassen, aber mehrere andere Quellen berichten, dass er entlassen worden sei.» 

«Diese Akzeptanz war damals alles andere als selbstverständlich»


Und wer ist die im Titel der Wechselausstellung als «Engländer» bezeichnete Persönlichkeit? Der aus einer reichen englischen Familie stammende Percy Vincent Azleby Donovan lebte von 1929 bis 1939 zuerst in einer abgelegenen Höhle und danach in einer Hütte bei Reckingen. Der Nachwuchs eines Vikars und einer englischen Adeligen outete sich im Goms als transsexuell und nannte sich hier in Franca Kraig um. «Donovan respektive Kraig wollte als Frau leben, liess die Haare wachsen und trug meistens Frauenkleider. Diese damals aussergewöhnliche Lebensweise wurde von der Gommer Bevölkerung grösstenteils akzeptiert, was in den 1930er-Jahren alles andere als selbstverständlich war», erklärt Martin Brauen. 

Die aktuelle Ausstellung in der Station Ritz mit Fotos des Fotojournalisten Paul Senn zeigt also nicht nur neue Facetten aus dem Leben von Cäsar Ritz, sondern rückt auch andere Persönlichkeiten ins Licht, die das Goms mitgeprägt haben.