«Immer mehr Menschen wollen zur Natur zurückkehren»

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Karin Seiler gibt in Kräuterkursen ihr Wissen über Heilkräuter im Goms weiter. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie der Einstieg in die Welt der Heilkräuter gelingt, welche Heilpflanzen im Sommer hier wachsen  und was man beim Kräutersammeln beachten muss.
Wie sind Sie zu Heilkräutern gekommen? 
Als Ernährungswissenschaftlerin leitete ich in München die Kantine eines Grossunternehmens und dachte mir immer wieder, das könne nicht alles gewesen sein. Also absolvierte ich eine Heilkräuterausbildung, die mir allerdings zu theoretisch war. Bei einer Auszeit mit Schafhüten auf einer Alp wurde mir bewusst, wie sehr ich die Nähe zur Natur brauche. Kurz darauf lernte ich meinen Mann kennen, durch den ich ins Goms kam. Nach weiteren intensiven Kräuter Aus- und Fortbildungen und unzähligen Ausflügen in die Gommer Natur eröffnete ich meine Kräuterwerkstatt. 

In welchen Sommermonaten können im Goms welche Heilkräuter gesammelt werden?
Ab Mai finden sich hier Löwenzahn, Gundermann und Brennnesseln; im Juni blühen Schafgarbe und Spitzwegerich, während im Juli Ringelblumen, Nachtkerzen und Königskerzen gesammelt werden können. Im Spätsommer kommen Johanniskraut und Baldrian hinzu. Es hängt jedoch von der Lage ab, wann eine Pflanze blüht, und im Goms kann man darum gestaffelt sammeln.

Wie hat sich das Interesse an den Kräuterkursen in den letzten Jahren entwickelt?
Es gab in den letzten zehn Jahren, und umso mehr seit der Corona-Pandemie, einen regelrechten Boom. Immer mehr Menschen wollen zur Natur zurückkehren. Ich beobachte auch, dass viele Kursteilnehmende aus Nachhaltigkeitsgründen mehr über die Naturschätze in ihrer Nähe erfahren möchten. Es ist nämlich viel umweltschonender, Kräuter aus der Region zu verwerten, als Heilpflanzen vom anderen Ende der Welt zu importieren.

Wie schaffen Sie es, das jahrhundertealte Wissen über Kräuter und deren Wirkung zielgruppengerecht zu vermitteln?
Dies mache ich intuitiv und naturnah. Bei mir gibt es keine langen Theorie-Abhandlungen, die alle gleich wieder vergessen. Ich frage gerne vorab, was die Teilnehmenden wissen wollen, und kann den Kurs nach ihren Wünschen aufbauen. So habe ich beispielsweise schon mit Jugendlichen Naturkosmetik hergestellt oder ein Pflanzenrätsel für eine Geburtstagsparty erstellt.

Welche Heilpflanzen sollten alle kennen?
Eine der effektivsten und breit verfügbaren Heilpflanzen ist die Brennnessel, von der die ganze Pflanze verwertbar ist. Löwenzahn erkennt jedes Kind, blüht im Goms spätestens ab Mai und ist ebenfalls eine wertvolle Heilpflanze. Auch wenn sie geschützt ist, darf die Arnika in dieser Aufzählung nicht fehlen. Und das Gänseblümchen ist quasi Arnika für Kinder.

Was raten Sie jemanden, der neu in die Welt der Heilpflanzen einsteigen möchte? Wo sollte man anfangen?
Ich empfehle immer praxisorientierte Kurse für diejenigen Heilkräuter, die in der näheren Umgebung wachsen. So kann man mit einer Pflanze beginnen und diese über einen längeren Zeitraum beobachten, bevor man sie sammelt. Wer die Heilpflanzen zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit allen Sinnen erleben kann, lernt besser als mit theoretischen Kursen. Ausserdem sollte man sich unbedingt an den Sammelkodex halten, bevor man einfach etwas pflückt.

Was ist denn der Sammelkodex?
Wenn es Privatland ist, sollte man kurz fragen, ob man sammeln darf. Ausserdem ist es wichtig, immer nur so viel mitzunehmen, dass andere Sammelnde und vor allem die Tiere, die davon leben, auch noch etwas vorfinden. Ich bedanke mich zudem immer bei Mama Erde, indem ich beispielsweise ein Lied singe oder ein kleines Geschenk dort lasse. Im Laden bezahlt man ja auch, bevor man seine Waren mitnimmt.

Wo ist – abgesehen von Ihrem Kräutergarten in Ritzingen – Ihr Lieblingsort im Goms?
Einer meiner liebsten Kraftplätze im Goms ist die Frutt oberhalb des Bieligertals. Dort wachsen viele Heilpflanzen aufgrund der Höhe im Miniaturformat, und ich finde es immer wieder schön, dass so hoch oben noch eine solche Vielfalt herrscht. In der Frutt ist es herrlich ruhig und ich durfte schon oft Steinböcke, Gämsen und Adler beobachten.